Ören (Nähe Edremit) – Ayvalik (Insel) – Gümüldür (Nähe Izmir) (Tage 37-40)


Der Tourismus hat uns wieder, so sehr wir uns bemühten, wir konnten nicht entfliehen. Selbst in der vermeintlich ruhigen Bucht, die wir zu unserem Schlafplatz auserkoren, wurden wir von Booten heimgesucht, die leider nicht, wie Y vermutete, Boote voller singender Muezzine, sondern Partyboote mit tanztorkelnden Betrunkenen waren.
Wir suchten uns also einen neuen Platz und fuhren, mit der Absicht von da aus in relativ kurzer Zeit nach Çesme und damit zur Fähre gen Griechenland zu gelangen, bereits in die Nähe Izmirs. Auf einem weitläufigen Campingplatz, der, nach seinen Anlagen zu vermuten, schon bessere Zeiten erlebt hatte, fanden wir eine schattige Stelle und viel Raum, also durchaus nicht, totale Urlaubermassen, wie wir sie von dieser Gegend erwartet hatten. Die Mitcamper waren ein kleiner, aber anscheinend harter Kern aus Ganzjahres- und Wiederholungscampern, der uns sofort mit so grosser Herzlichkeit empfing, als wären wir als geladene Gäste nach langer Fahrt in ihr Heim gelangt. Wir wurden beschenkt, mit Augen (link) übrigens, zigfach, bekocht, mit frischen Früchten und Gemüse versorgt, ohne dass wir auch nur einen symbolischen Betrag hätten bezahlen dürften, ja, gar mussten wir aufpassen, unsere neuen türkischen Bekannten nicht unbeabsichtigterweise unnötig durch die Gegend zu jagen, reichte doch schon die blosse Andeutung, dass kaltes Wasser für den Abwasch nicht wahnsinnig praktisch ist, um den Wohnwagennachbarn Sekunden später mit heissem, gekochtem Wasser antraben zu lassen. Wir wurden angehalten mit allen etwaigen Sorgen, Nöten und Fragen an unseren Nachbarn auf Zeit, eigentlich eher Gastgeber, zu gelangen und, was durchaus floskelhaft klingen könnte, wurde hier mit einer kompromisslosen Gastfreundschaft vorgebracht, die mit der Umschreibung „ehrliche Sorge um unser Wohlergehen“ trefflicher ausgedrückt wäre. Stelle Sie sich das bitte ungefähr so vor:
Herr G. arbeitet sich mit zwei Gasherdplatten gen vollwertige Mahlzeit und kocht in Schichten, die Pfanne mit den bereits gekochten Erbsen stellt er auf die Erde. Frau G. gelangt mit den Kindern, nach einem Ausflug zum nahegelegenen Pferdestall, zurück zum Ort des Geschehens. Äm, blitzschnell, hebt den Erbsenpfannendeckel und bricht umgehend in lautes Jaulen aus. Frau G. nimmt im ersten Moment an, sie hätte sich verbrannt, packt das Kind und rennt mit ihr zum nächsten Freiluftwasserhahn, wo sich gerade die türkische Frauschaft zum Schwatz eingefunden hat. Noch auf dem Weg dorthin merkt sie, dass Äm sich nicht ernsthaft verletzt haben kann, sondern wohl mittlerweile hauptsächlich schreit, weil sie von der Erbsenpfanne weggetragen wurde. Trotzdem beschliesst sie Kindes Hand vorsichtshalber unter den Wasserhahn zu halten, zumal Äm Wasser mag und dabei meist augenblicklich zufrieden wird. Allerdings hat sie nicht mit der Horde händeverwerfender, aufgeregter Frauen in Sorge gerechnet, die in aller Liebe und Fürsorge die heulende Äm weiter in ihr Elend hineinstürzen. Mit ungeschickt gewählten Worten wie „Pfanne“ und „warm“ versucht Frau G. die Lage unter Kontrolle zu bringen, als der erste männliche Besorgte, mit einem Sack Eis erscheint und Äm vorsorglich überall zu kühlen beginnt. Äm legt derweil an Schreiintensität zu. Ein weiterer Besorgte kommt mit Salbe angerannt, etwas ratlos suchen wir nach einer möglichen zu bestreichenden Stelle, aber bis auf einige rote Hautflecken, deren Farbe von der kürzlichen Behandlung mit Eis herrührt sind keine Verdächtigen Stellen auszumachen und wir bestreichen sicherheitshalber und auf Anraten aller Umstehenden die Handinnenflächen. Äm schreit weiter, denn Salbe ist ihr ein Graus. Frau G. versucht weiterhin die richtigen Worte zu finden, um die Umstehenden zu beruhigen. Glücklicherweise hat nun auch Herr G. den Ernst der Lage erfasst, packt geistesgegenwärtig die Ebsenpfanne, galoppiert mitten in die aufgeregte Menschentraube und schreit sinnesgemäss „Pfanne gar nicht heiss!“, worauf Frau G. die Pfanne berührt und theaterreife Erleichtung spielt. Die Menschenmenge beruhigt sich etwas. Sämtliche Anwesenden verlangen danach, die Pfanne des Anstosses ebenfalls zu berhühren, um sich persönlich zu überzeugen. Reihum wird ehrfürchtig die Hand zur Pfanne ausgestreckt und erleichtert genickt, als ein schweissüberströmter Greis keuchend den Kreis durchbricht und sich mit winkendem Autoschlüssel in die Mitte stellt. „Ich habe ihn gefunden! Wo ist das Kind mit dem gebrochenen Arm.“

    Bemerknisse

  • Nach langen Gesprächen über die heutige Stellung der Frau in der Türkei, bei der das türkische Gegenüber betont, wie ausgeglichen die Rollen- und Arbeitsteilung in modernen Familien wie der ihren sei, können abschliessende Sätze den Eindruck relativer Gleicherechtigung erheblich schmälern.
    Sie: „Bei euch ist das ja auch so. Wir haben Glück mit unseren Männen.“
    Ich: „Einen mit anderen Ansichten hätte ich nicht genommen.“
    Sie: „Ja, ich habe gemerkt, es ist ein Glück, Herr G. hilft dir sehr viel.“
  • Es ist unmöglich die Türkei zu besuchen ohne Atatürk kennen zu lernen, kein Dorf ohne seine Statue, kein Restaurant ohne sein Foto, kein Quadratmeter besiedelte, westliche Türkei ohne sein Abbild. Die türkische Liebe für Atatürk, wie wir sie in den letzten Tagen kennen gelernt haben, ist unkritisch und allumfassend, man liebt sein „Lebenswerk“ ebenso wie seine „schönen Augen, die schöne Nase, die schönen Haare und die schöne Stirn“.
  • Ich empfinde mich als eher vorsichtige Mutter, und obwohl ich meine Kinder viel und gerne ausprobieren lasse und auch Schürfwunden und blaue Flecken in Kauf nehme, bin ich in heiklen Situationen meist in Auffang- und Abprallschutznähe, allerdings brachte mein scheinbares Nichteingreifen die türkischen Mütter schier um den Verstand und so manche Situation endete damit, dass ich Äm an die Hand nahm, obwohl ich dazu keinen Grund sah, nur um der Lärmbelästigung durch hysterische Kreischerei und Orkanböen aufgrund fuchtelnder Arme und flatternder Hände auf türkischer Seite ein Ende zu bereiten.
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    Ein Kommentar

    Eingeordnet unter Bemerknisse, Neulich, Reise 2012, Reisen mit Kindern

    Eine Antwort zu “Ören (Nähe Edremit) – Ayvalik (Insel) – Gümüldür (Nähe Izmir) (Tage 37-40)

    1. Danke. Ich liebe liebe liebe Ihre Reiseberichte, und wenn Sie nicht ein bißchen fehlen würden, könnten Sie meinetwegen auch gerne noch die übrigen Kontinente und Länder der Erde bereisen und berichten… jahrelang.

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